Freitag, April 28, 2006

Von winkender Globalisierung










Neben dem Gagfaktor ist mir diese Entdeckung doch noch einen Blogeintrag wert.
Noch einmal Vera: Eines ihrer wirklich hübschen Mitbringsel an mich (ebenfalls Katzenfan) war eine kleine Keramik-Glückskatze (Bild unten). Später saßen wir dann bei ihr auf dem Sofa und sie erzählte, diese Katze, noch im Plastikkokon (die oben!) habe ihr ihr Freund vor ihrer Abreise zum mitten in der Reise liegenden Geburtstag mitgegeben. In Deutschland gekauft, wohlgemerkt. Und versehen, wie zu sehen, mit einem "Made in Japan".

Seltsame Welt: Ich freue mich riesig über ein winziges winkendes Kätzchen, original aus Japan, gekauft, so stelle ich es mir vor, zwischen fotogen blühenden Bäumen und Tempeln an - ja ok - einem Souvenirstand. Stelle mir vor, wie ich es dekorativ auf meinem Bilderschrein in meinem Zimmer drapieren kann und jedes Mal, wenn mich jemand fragt, wo denn dieses kleine, nette, exotische (!) Stück Kitsch herkommt, sage ich: "Hat mir eine Freundin aus Japan mitgebracht" (genauso wie meinen Kiwivogel-Schlüsselanhänger aus Neuseeland oder mein "Hard Rock Café"-T-Shirt aus Hollywood - selbst nirgends gewesen) und freue mich ob meines kosmopoliten Bekanntenkreises.

Im Grunde hätte ich jedoch das Porzellantier auch in einem der zahlreichen Gruscht-Läden im lokalen Einkaufscenter mit den vier großen Buchstaben erwerben können. Nennt man das Globalisierung? Für einen gut befüllten Souvenirschrein (die grundsätzlich immer kitschig sind - so muss es ja auch sein) muss ich nicht einmal einen internationalen Flughafen betreten haben? Ich kann vortäuschen, ich hätte eine Reise getan, die tatsächlich nie stattgefunden hat? Ein Simulakrum, diese Katze? "[A]n
implosion of meaning, that’s were the simulation begins", sagt Baudrillard. Diese Katze wäre also ein vermeintliches Zeichen auf einen Referenten, meine Japan-Reise. Da diese aber tatsächlich nie stattgefunden hat, gibt's diesen Referenten nicht. Die vorgebliche Bedeutung ('meaning') des Kischtiers als Projektions-Medium meiner Erinnerungen (die es, nur noch mal so zur Erinnerung nicht gibt), schlichter als Souvenir implodiert. Man verzeihe mir diese Floskel, aber so ein bisschen Recht hat Baudrillard schon, bei aller Blumigkeit. 'Heutzutage', 'mit dieser Globalisierung' verliert so langsam jedes Zeichen seine Referenz.
Und deswegen möchte ich mich bei der Suche nach dem zumindest seminargöttlichen Referenten Japan nicht zu sehr auf schriftliche Zeichen (Bücher, Internetquellen usw.) verlassen. Mehr auf das, was mir direkt begegnet, wo die Zeichenhaftigkeit versteckt liegt.

Quellen:
Jean Baudrillard, Simulacra and Simulation, übersetzt von Sheila Faria Glaser
, Ann Arbor 2001. S.31
Bilder: alle privat