Sonntag, Mai 07, 2006

The Significant Other

Vorsicht, dieser Post strotzt nur so vor Stereotypen und Vorurteilen - man verurteile die Verfasserin nicht. Aufgrund mangelner finanzieller Mittel ergab sich bisher nicht die Möglichkeit, Obige durch eine lokale Inaugenscheinnahme der Verhältnisse zu terminieren.

Japan - das Andere, das Exotische, das Paradigma für "Nicht-Wir-Hier", Objekt der eurozentristischen Betrachtung des Klatsches der Kulturen - für mich nicht. Japan war mir nie fremd, ergründenswert aufgrund seiner Komplementarität, Japan erschien mir nie als das Negativ (im fotografischen Sinne!) Mitteleuropas, als das "Down Under" oder "Upside Down" meiner Sozialisation.

Im Gegenteil: Japan kam mir (Achtung, jetzt kommt ein Klischee) unter all den asiatischen Ländern vor als Deutschland am ähnlichsten. In meinem Großhirn stehen in Vietnam, China, Laos, Indien, Thailand, Laos, den Philippinen, Korea, usw. die Menschen auf klapprigen, in Europa längst ausgemusterten oder nur nostalgisch begründet bewahrten Mofas auf sandigen, unebenen Straßen in endlosen Staus, gleichmütig ob des produzierten Abgases, an den Rändern dieser besseren Feldwege lagern arme Menschen, die Regierungen sind gern mal korrupt oder kommunistisch oder beides, dort, ja, dort brechen Krankheiten wie Sars (weiß noch jemand?) oder die bodenseeaffine Vogelgrippe aus, weil dort, ja, dort sind die hygienischen Verhältnisse teilweise so maliziös, wie sie es bei uns schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr sein durften. Klar gibt es zivilisierte Hauptstädte mit Malls, Wissenschaftsstandorte, funkelnden Reichtum und den ein oder anderen Wohlstandler. Aber die gemeine Bevölkerung, die, die bei uns gut lebt zwischen Playstation und DVD-Player, mit Aldi-Großeinkauf und Europaparkbesuch, die gibt es kaum oder nicht.
Japan dagegen - eine Insel. Ein dem europäischen Standort naher, ihm technologisch-avantgardistisch oftmals weit überlegener Hort der Zivilisation, der - ha - europäischen Wohlstands-Normalität inmitten all der verwahrlosten (sie können ja nix dafür!) anderen Asiaten. Vielleicht auch gerade darin begründet, dass Japan eine Inselrepublik ist. Dort, wo die Zivilisation blüht, eigentlich gar nicht mehr blühen muss, weil sie ja schon europagleich seit langem Standard ist. Klar, Philippinen, Thailand, Korea, auch alles (Halb-)Inseln. Aber entweder schon wieder so südlich, dass sie aufgrund der klimatischen Verhältnisse Probleme hegen müssen, oder ach ja, politisch begründet in Schwierigkeiten schwelgen oder, ja Thailand, da gibt es doch Sextourismus und diese heiratsmarktwert-gestraften Deutschen, die sich hoffnungsfrohe Einheimische exportieren lassen.

In Japan ist das alles nicht so. Soweit meine Imagination. Dass "'die Japaner' spinnen" wurde mir dann schrittweise durchaus bewusster. Aber erst in betreffendem Seminar erkannte ich, dass das Dort anscheinend im allgemeinen Bewusstsein wohl tatsächlich als "das schräge, der westlichen Wahrnehmung und Normalität ver-rückte Drüben" angesehen wird.

Habe ich mich nun einfach zu sehr auf oben ausführlichst beschriebene Klischees eingefahren, Klischees, die eine seltsame Opposition zu den "die sind ja so komisch"-Klischees, die auch (natürlich bewussterweise) in vielen Blogs bemüht wurden, bilden? Oder habe ich unbewussterweise bereits eine kleine Teilmission des Seminars geschafft, nämlich die Erkenntnis, dass "die" "so anders" gar nicht sind?


(Ebenfalls sei der Autorin die Verwendung des psychologisch womöglich überholten Konzepts des "Bewussten" und "Unbewussten" nachgesehen - ich bin Literaturwissenschaftlerin und darf das, wenn in Texten aus 1995 immer noch von Phallus-Symbolik die Rede ist [seminarfremd, aber das musste ich mal schnell loswerden].)