Sonntag, Mai 21, 2006

Vom Spinnen und Spinnen-Lassen

Hausarbeitsbedingt musste sich die fernöstliche Hirnschau mit den Katakomben meiner "to do"-Liste zufrieden geben. Nun aber möchte ich sie ans Tageslicht der häufig geklickten Lesezeichen zurückbefördern.

"Mein Japan" also - Gerade komme ich aus der Lektüre zweier Seminarskollegen. Die beiden Blogs betonen das mittlerweile schon mehrmals betonte Unverständnis gegenüber Japan. Der eine etwas kürzer, der andere anhand eines konkreten Beispiels aus der Alltäglichkeit japanischen Lebens.
Einige solcher Skurrilitäten hat mir auch meine Freundin Vera (man erinnert sich) geliefert, als wir in einer süddeutschen Seestadt am Hafen samt italodeutschem Eis saßen und sie die drei fernöstlichen Wochen Revue passieren ließ.
Drei davon will ich jetzt, mit Foto, kurz dokumentieren:

Japaner und Englisch
"Das ist so eine Sache." Die Sache ist nämlich die: Grammatisch seien die Japaner aufs Englische getrimmt, sagt Vera. Das eigentliche Sprechen aber gehe in ihrer Spracherziehung völlig unter. Die Regeln werden auf Japanisch besprochen. Und so kämen sie nicht mal im Besprechen der Sprache zum Sprechen der Sprache.

"Liz and John do their homework regularly" (man beachte nur ganz am Rande die suggestive Formulierung)

Eine
für uns völlig unverständliche Weise der Didaktik, wo wir doch schon in der Unterstufe mit Listening Comprehension vor der versammelten, nach vorpubertären Quälereien lechzenden Klasse malträtriert werden.

Japaner und Essen

Graduell skurriler ist das in vielen Blogs bereits durchgekaute (der muss jetzt sein) Essen. "Dann gab's Sushi mit rohem Tintenfisch, noch durchsichtigen Babyfischen und eine Suppe, über die einfach so ein halber Krebs hing" - Dies ein Zitat, das mit einem gewissen Ekel in der Stimme der Zitatsurheberin vorgetragen wurde - letzteres allerdings hat doch den Weg in ihren recht experimentierfreudigen Magen gefunden.
Nein, nun möchte ich nicht mit einem Referat über die "Schrägheit" auf japanischen Tellern respektive Schüsseln und dass besonders sie (die Schrägheit) für die allgemeine Skurrilität "symptomatisch" sind, fortfahren. Die japanische Küche schätzt den gesamten Fisch (
siehe Sushi à la Fisch-Innereien) und wirkt nun mal auf europäische Mägen und Augen sehr gewöhnungsbedürftig bis nicht gewöhnbar. Stattdessen zum Dessert dieses Unterpunktes nur ein paar authentische Bilder, frisch aus Japan, die Harcore-Version von Tante Inges Sushi-Schuppen.


Babyfisch-Sushi,Vera Wiedemann, Digitalfotografie, 2006


halber Krebs in Suppe, Vera Wiedemann, Digitalfotografie, 2006

Japaner und Erscheinungsbild

Die Erzählung, die jedoch am meisten "Die spinnen doch"-Potenzial in sich trägt, ist folgende: Vera sitzt in dieser Episode samt ihrer Gastgeberinnen in einer Bahn, "ich glaub, innerhalb Tokyos", und beobachtet, wie es so oft vorkommt, eine junge Frau beim Schminken. Dass das Auflegen von Make Up in der landeseigenen, doch omnipresent strengen Etikette nicht dem Privatleben, dem Zuhause vorbehalten ist, hat Vera, wenn auch nur peripher verwundert. Die zu-Behübschende trägt sich also inmitten von hochgestressten Pendlern und trotz ÖPNV-bedingten Ruckelns weißen Lidschatten, vielmehr einen simplen weißen Strich auf die Lider auf.
Ästhetisch betrachtet keine Glanzleistung, konstatiert Vera, womöglich japanisch-avantgardistisch, konstatiere ich gedanklich, lauschend und neben meinem Pappeisbecher auch in meiner Klischeekiste stochernd. Nur wenige Momente später bemerke sie dann, dass es sich bei dem Lidstrich nicht um eine farbtechnische, sondern tatsächlich um eine Art ausschließlich ästhetische OP handele. Der Farbstift ähnelte in seiner Funktion mehr dem allzeit praktisch Pritt-Stift denn einem Lipgloss, dessen Design er trug. Tatsächlich war der weiße Strich ein Klebestreifen, mit dem sich die junge Japanerin eine trendy "kaukasische" Lidfalte gebastelt hatte.

Oh ja, was habe ich mich an meinem ach so deutschen Stracciatella über diese ach so japanische Auffassung von "die natürliche Schönheit betonen" verschluckt. Aber sämtliche gesammelten Schockverschluck-Hustenreizer mit einem elitär wertendem Hüsteln zu versehen, möchte ich trotzdem nicht. "Is' halt ne andere Kultur" soll das so lapidare wie wahre Motto sein.
Deswegen soll dieser Blog meine japanischen Trouvailles (Dank an Herrn Kümmel für den Ausdruck) lediglich dokumentieren und sie kraft der "edit"-Funktion, wenn sich die erkenntnistheoretische Muse zu mir an den Schreibtisch setzt, der Wissenschaft zuführen.

Das also ist der Plan. Nun lasset uns fleißig weitersammeln...

1 Comments:

Anonymous Anonym said...

Hallo
Nur was zu der Lidfaltenkleberepisode:
Die Jugendlichen in Japan wollen eben viele europäisch aussehen, sich verhalten und so wohnen.(Was mir mehrfach von Naoko und Hiroko bestätigt wurde, die aber beide den Trend nicht mitmachen. Vielleicht weil sie aus nem kleineren Ort und nicht aus ner Riesenstadt kommen.)Deswegen ist dort wohl amerikanische und europäische Musik so beliebt.

5:50 PM  

Kommentar veröffentlichen

<< Home