Vom Anspruch des Kino-Ausschusses, das Sequel
Heute: Meine peinliche Neigung zu fäkalhumorregierten Film-Persiflagen, die Fortsetzung. Ja, ich war schon wieder in einem Movie-Film. Diesmal: Date-Movie. Nun besuchten wir also dieses Comedy-Produkt, das außer den guten Witzen im Trailer übrigens hauptsächlich nur noch aus Körperausscheidungs-Komödie besteht und wem begegneten wir? Einer Japanerin. Die Protagonistin, das Flötenmädchen aus American Pie, lebt in einer wahrlich multikulturellen Familie. Der Vater ein schwarzer Grieche, die Mutter eine Inderin, die Schwester eben diese Japanerin. Und bis auf dass sie My big fat greek wedding-esk in einer Taverne arbeitete, ging sie, natürlich filmisch beabsichtigt, voll im Klischee auf. Crazy abstehende Haare, soweit ich mich erinnere, crazy bunte Strähnchen, crazy Kleidung. Ziel des kreativen Drehbuchschreibers selbstverständlich: Alibi-Minderheiten-Parodie.
Gerade komme ich wieder aus dem Kino. Es gab: X-Men III (es ist Studententag und ich wurde eingeladen!). Ein Film, der sich selbst wesentlich ernster nimmt als oben genannte Liebesfilm-Persiflage. Und doch gibt es eine Szene, die mich von meinem Lakritzkonfekt (weiß jemand, wo der Weingummi hingekommen ist?) aufsehen ließ. Die bösen Mutanten verschieben die San Franciscoer Golden Gate Bridge, um einen Übergang vom Festland auf die Alcatraz-Insel zu bekommen. Als das Bauwerk bereits zu wackeln beginnt und schließlich dann aus seinen Befestigungen gerissen wird, sieht man davor kurz eine asiastische, ich nehme einfach mal an japanische (Herrschaftszeiten, Klischee halt) Reisegruppe, die sich gerade breit grinsend zum Gruppenfoto postiert hat und dann schreiend das mutantenfreie Weite sucht.
Nachdem ich jetzt also, wahrscheinlich durch Cyberfictions erst sensibilisiert, drei Mal in jeweils mehr oder weniger unterschiedlichen Filmen das Japaner-Klischee eingemengt gesehen habe, muss ich mich doch mal fragen: Wieso? Wer Charlie und die Schokoladenfabrik gesehen hat, weiß, dass man sich auch in den Studios mit dem Hügelschriftzug gerne über in Fachwerk hausende Duesseldorfer lustig macht. Jean Reno gibt gerne auch mal den Klischeefranzosen (siehe auch Emmerichs Monstermutanten-Sage).
Aber besonders gern scheinen doch die Japaner für einen Resteauflauf an halbstarken Gags herhalten zu müssen. Wieso? Vielleicht weil es so einfach ist. Bitte nicht sofort wild runterscrollen und den Kommentar-Link betrommeln. Ich werde versuchen, es so politisch korrekt wie möglich auszudrücken. Japan ist weit weg. Japan ist im Verständnis vieler Exotik. Über Fremdes, nicht Verständliches lässt sich leicht Witze machen. Die bunt behaarte Trendjapanerin wird nun mal sofort erkannt. Japanische Touristen hat der Großteil der Deutschen, Franzosen, Italiener, Spanier, Polen, Russen usw. schon einmal selbst erlebt. Das Klischee funktioniert überall in der Welt. Und – jetzt wird es kurz schwierig – das asiatische Aussehen wird sehr schnell dekodiert als „aach, Japaner“. Vielleicht auch aus den Gründen, wie ich sie für mich im Blog „The Significant Other“ erschlossen hab. Also: Asiastisches Aussehen = Fremdartigkeit = klischeehafte Überdrehtheit = proliferatorische Möglichkeiten, gute und auch schlechte Gags aus dieser Überdrehtheit zu bauen. Das führt zu Bekanntheit in der Welt durch touristischen (Über-?)Eifer = Japaner = Inflation von Japan-Klischee im cineastischen US-Import. Eine Gleichung, die, wie ich finde, eigentlich sehr gut aufgeht.
Sich seiner Natur nicht bewusst sein: passt sehr gut. Möchte man das nun auf die Darstellungen des Japaners in meinen drei Filmbeispielen anlegen, könnte man argumentieren, dass der Japaner sich so verhält wie immer. Gerade diese Normalität in seinen Augen ist aber für den Nicht-Japaner komisch (vor allem auch durch die im Seminar immer wieder angesprochene Fremdheit, Andersheit). Der Japaner weiß nicht, dass er sich in den Augen gewisser Nicht-Japaner lachenswert verhält. Daraus macht Hollywood leichte Lacher. Ja, zugebenermaßen, eine recht herabwürdigende Erklärung. Aber eine Erklärung.
Seine Natur ignorieren: ebenfalls möglich. Aber vielleicht mit einem "kleinen" Kniff. Der Drehbuchschreiber verstellt den Japaner, nicht er sich selbst. Der Regisseur meiner Filme weiß selbstverständlich, dass 'der Japaner' (ich muss den Singular hier verwenden) eben, so wie er ihn darstellen will, nicht ist. Aber, um seinem Publikum bzw. das des späteren Filmes Deziliter von Lachtränen zu bescheren, ignoriert er das Wesen des Japaners und biegt es filmisch so hin, dass es komisch wirkt. Was bei Baudelaire der Künstler selbst tut - sich verstellen, seine Natur verleugnen, auf dass er lustig sei - macht hier der Verfüger über die Gags. Ich wage jetzt sogar zu behaupten, dass es das berühmte Fünkchen Wahrheit ist, dass diese Art der Komik überhaupt erst ermöglicht. Baudelaire sagt auch, dass der Künstler sich in die Richtung verändern müsse, die seine Zuschauer erwarten. Nun werden 'vom Japaner' eben diesen Erwartungen durch die spärlichen Informationen, die nach Europa und die USA gelangen, und die Extrembeispiele ('crazy' Denke, 'crazy' Klamotten, 'crazy' Technik usw.), die ihren Weg dann doch finden, gestählt. Es entsteht eine Ahnung davon, wie 'der Japaner' sein könnte, eine Erwartung. Wird diese nun durch einen findigen Autor erfasst, biegt dieser Autor die Darstellung 'des Japaners' in die erwartete Richtung, gibt's Lacher.
Quellen:
- David Zucker, Scary Movie 4, USA 2006.
- Aaron Seltzer, Date Movie, USA 2006.
- Brett Ratner, X-Men: Der letzte Widerstand, USA 2006.
- Baudelaire, Charles, De l’essence du rire et généralement du comique dans les arts plastiques, in: ders., Curiosités esthétiques. L’art romantique, Paris 1962.
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