Mittwoch, Juli 05, 2006

Von tränenlosem und weinendem Selbstbewusstsein

„Neeeein!“, „Ow!“, „Scheiße, scheiße, scheiße, scheiße, scheiße, scheiße“ Was haben wir gejammert, gestern abend. Wochenlang hat der Liebste die öffentliche, oftmals biergeschwängerte Euphorie gemieden, verurteilt und mich kritisch beäugt, wagte ich es, auch nur einmal auf einen der Monitore im hiesigen Media-Markt zu schielen, als ich ihn gebeten hatte, mit mir dort die neue Muse-CD zu kaufen. Und selbst er hielt meine Hand, versuchte sich fachsimplerisch und war zumindest eine Winzigkeit betrübt, als das Runde schließlich das falsche Eckige füllte.

Vorbei mit Gröhler-, Huper- und Feierei also. Wochenlang ging das so, nun darf nur noch um den dritten Platz fahnengeschwenkt werden. Viele hatten diagnostiziert, die deutsche Flagge werde wieder salonfähig, man dürfe für sein Land jubeln, feiern, trinken. Und jetzt? Ich beschließe einen kleinen Streifzug durch gängige Online-Medien auf der Suche nach dem verlorenen Spiel und der Traurigkeit, die von einem Patriotismus zeugt, der in einigen Blogs gerade auch Japan bescheinigt wurde.

Gerade noch gestern abend lese ich auf jetzt.de, meinem Lieblingsonline-Abhäng-Platz, der „jungen“ Sektion der Süddeutschen, etwas von einem „öffentliche[m] Massenorgasmus“, den der Bevölkerung „unsere Jungs“ bescheren. Eine psychologische Erklärung von Fritz Simon, Psychiater: Man geht ja nicht mehr gemeinsam in die Kirche, und beim gemeinsamen Fußballschauen entstehen dann die vermissten Gefühle, zu einer größeren Gemeinschaft zu gehören.“ Eine große Gemeinschaft, die zusammen die nationalen Fahnen schwenkt, wie der Artikel sich zur Einleitung feststellend genehmigt, „Sieg!“ ruft. Dazu übrigens noch folgendes Bild:


Die Mutter, sueddeutsche.de, veröffentlicht am Tag darauf, heute, die Fans seien „[a]us dem siebten Himmel jäh vertrieben“. „[E]s stecken eine Menge Emotionen im deutsch-italienischen Verhältnis dieser Tage, da je ein Prominenter beider Nationalitäten aus dem Spiel genommen wurde, der Bär Bruno und der dreitage-bärtige Torsten Frings.“ So sagt man dort. Ein gespanntes Verhältnis unter den Fans, das sich jedoch, so sagt man dort ebenso, im Laufe des Spiels gelockert habe. Besonders spannend für meine Argumentation jedoch geriert sich folgende Passage: Rehhagel hätte für eine derartige Spielsache die Vokabel „Guerillakrieg“ hergenommen, „und wenn man solche Rhetorik auch nicht mag, ist doch was dran. So lässt sich die Notwendigkeit beschreiben, dem Gegner keinen Zentimeter Raum zu viel zu geben – sonst stößt er vor, schon droht Gefahr.“ Gar militärisch zeigt sich der Sportjournalist dieser Tage. Immer vorsichtig schreibend, eigentlich solle man ja zurückhaltend sein, mit solchen Begriffen, aber diesmal darf man ja. Patriotismus im Fußball ist - eine Binsenweisheit gar beinahe - schon ok.

Spiegel.de, des Studenten-Nachrichten-Kumpel, erlaubt es sich tatsächlich, mithilfe des Traums (einer muss es tun) zu titeln: „Ein Traum endet in Tränen.“ Deutschland trage Trauer, heißt es. Gerade am Jahrestag der Berner Wunders, damals, als man wieder wer war, so gern wäre man es auch diesmal wieder gewesen, ja, an diesem Tag nach 52 Jahren, wirke der Verlängerungs-Last-Minute-Sieg der Italiener „ähnlich epochal (…) wie der 3:2-Triumph gegen Ungarn“. Man darf sich solche Attribute wieder erlauben.

Und nein, natürlich habe ich unser aller Zentralorgan, dort, wo man öfter man den ein oder anderen zweifelhaften Begriff aus der Überschriften-Tombola zieht, nicht vergessen: bild.de („Wir weinen mit euch“ – mit einem Bild des bestimmt nicht weinenden, nur seine Hände resignierend über Gesicht haltenden Klinsmanns) meint es gut mit meiner Argumentation. Deutschland hätte die „geilsten“ Fans, dazu diese Grafik. Ich glaube, es bedarf keiner erklärenden Worte.


(Eine so lustige wie spannende Erkenntnis stellt sich beim Speichern des Bildes ein: Genannt ist es „schwarzrotheul-sport“: Heißt das, Bild macht sich heimlich lustig über schwarzrotgold verschmierte Tränen?)

Dazu noch dies hier:


Auch hier muss nicht weiter erklärt werden.

Noch ein kurzer Exkurs nach drüben, also in die Schweiz. Reguläre DRS3-Hörerin, die ich bin, vernehme ich auch die eidgenössische Sicht (gerade läuft eine Presseschau der italienischen Medien): Welch Emotionen Fußball „hochkochen“ könne, hätte man in den letzten Wochen zur Genüge realisieren können. Es folgen O-Töne: eine weinende Mädchen-Stimme, die das Verlieren in letzter Minute bedauert und selbstironische „Wir müss’n nach Hause fahren [Ihr seid zu Hause, Anm. d. Verfasserin]“-Gesänge.

Nachtrag in Papier: Die Zeit vom 6.Juli (gelesen am 10.) untertitelt bereits ihren Aufmacher mit "In diesem Sommer sind wir andere geworden". Später dann die Erkenntnis: "So wie der Sieg bei der WM 1954 das zwiespältige Gefühl vermittelte, wieder wer zu sein, klatscht nun das Ausland durchweg wohlwollend, geradezu erleichtert Beifall: Endlich habt ihr euren Frieden mit euch gemacht!" (S.1) Fünfzehn Seiten weiter, direkt aus dem Volk sozusagen, schreibt Nikola Zieren, Aaachen, laut eigenen Angaben aus der "linken, alternativen" Twen/Thirties-Bevölkerungsgruppe angehörend, dass sie es sich nie hätte träumen lassen, selbst mal zum Fußballtrikot zu greifen und ist sich sicher, "Hoffnung für uns. Für Deutschland"(S.16) zu sehen.
Noch ein Nachtrag vom 10. Juli, wiederum von spiegel.de: "Berauscht vom Glück der so gelungenen Weltmeisterschaft danken die Deutschen mit nahezu japanischer Begeisterung." q.e.d. möchte ich sagen und betonen, dass ich das schon fast eine Woche früher festgestellt habe.

Und was hat das alles jetzt mit Japan zu tun? „[D]ie [Japaner] verehren doch ihren Kaiser auch, so wie wir den Franz“ schreibt man mir im Skype, gefolgt von einem lachenden Smiley. Um ein sueddeutsche.de-Zitat zu verwenden: „ist doch was dran.“ Wie bereits erwähnt, attestieren einige Blogs den Japanern an sich ein großes National-Gefühl. Nicht nur die im Seminar besprochenen Samurai-Traditionen, geprägt von Stolz und Ehr’, sondern zum Beispiel auch Japans forsches Vorgehen in der Walfang-Angelegenheit (zu der und anderen umweltpolitischen Themen ich gerne noch etwas geschrieben hätte - die mir von Greenpeace geschickten Dokumente liegen schon auf meiner Festplatte - aber zu dem die Zeit einfach nicht gereicht hat, denn: wenn, dann schon richtig reflektiert) zeugen von hohem Selbstbewusstsein. Deutschland würde es nie wagen, so wage ich mal zu behaupten, sich international einer solch kontroversen Lage auszusetzen.

Nur im Sport, da darf man kämpfen, parodieren, mit Fähnelchen am Fahrzeug im Corso über die Laube, Backen bemalen, „Deutschland“ und „Siiieg“ gröhlen. Und weinen, wenn’s nicht hinhaut. Da reicht das nationale (Selbst-)Bewusstsein, der Patriotismus, das „wir( Deutschen)“-Sein an ein solches wie das von Japan hin. Und das dieses Jahr besonders… Womöglich eine Tendenz, die sich fortsetzt. EM 2008 in Österreich-Schweiz, wir werden sehen: „Wien, Wien, wir fahren jetzt nach Wien.“

Quellen (alle, wenn nicht anders gekennzeichnet, eingesehen am 5.7.2006):

Jetzt.de: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/320530

Süddeutsche.de: http://www.sueddeutsche.de/,tt1m2/sport/weltfussball/special/710/65645/index.html/sport/weltfussball/artikel/901/79822/article.html

Spiegel: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,425098,00.html, http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,426021,00.html (10.7.2006)

Bild.de: http://www.bild.t-online.de/, http://www.bild.t-online.de/

DRS3: Sendung am 5.7.06, zwischen 11 Uhr und 12 Uhr

Die Zeit: Die Zeit, 6.Juli 2006, 61. Jahrgang (10.7.2006)